Ungarnaufstand

Der ungarische Volksaufstand 1956

 aufgezeichnet von Gaby Heilinger

Ursachen und Gründe, die den Oktoberaufstand auslösten, gab es viele.

Es begann mit friedlichen Massendemonstrationen. Daraus entwickelte sich jedoch eine Tragödie, als die Staatssicherheitspolizei auf die Menschen das Feuer eröffnete. In der Nacht, am 23. Oktober, wurde ganz in unserer Nähe beim Rundfunk und am Nationalmuseum geschossen. Wir wohnten damals in der Lónyay utca, eine Straße in der Innenstadt von Pest, unweit der Donau. Der Radiosender war von Freiheitskämpfern besetzt worden. Die Geheimpolizei kam als Rotkreuzhelfer getarnt in das Gebäude und sorgte für ein Blutbad mit vielen Toten und Verletzten. Insgesamt waren um die 200.000 Demonstranten unterwegs. Das Verteidigungsministerium hatte einen Kampfverband in die Bródy utca geschickt. Als die von Offizieren geführten Soldaten am Museum ankamen, wurden sie von Studenten bedrängt, welche ihnen die Waffen abnahmen. Sowjettruppen rasten daraufhin mit ihren Panzern in die Menge und machten sich somit für viele Tote verantwortlich.
Für uns war es eine schreckliche Nacht, denn mein Mann war, da er Nachtschicht hatte, auf seinem Arbeitsplatz. Wegen der Unruhen und Schießereien konnten wir tagelang kaum aus dem Haus. Die Situation war chaotisch. So lag das mächtige Stalin-Denkmal auf der Straße, in Stücke zersägt. Straßenbahnen waren umgekippt, viele Patronen von Maschinenpistolen lagen auf der Straße. Sogar Kinder füllten Benzin in Flaschen und warfen diese brennend auf die russischen Panzer, welche meistens explodierten. Kein normaler Laden hatte geöffnet. Die Läden waren alle staatlich. Die Brotrinde, welche wir als Schweinefutter für die Bauern sammelten, haben wir dann selbst gegessen. Meine Nachbarin und ich trauten uns viel zu, denn der Hunger hat uns getrieben. Eines Tages sind wir mit den Kindern in die Innenstadt gegangen, wo soeben ein Laden aufgebrochen wurde. Meine Nachbarin sagte zu mir, ich solle auf die Kinder aufpassen und nahm meinen Einkaufskorb mit. Vollgepackt mit Schokolade, Keksen und anderen Sachen, meist Süßigkeiten, kam sie zurück. Unter einem Hausdach haben wir die Sachen, um sie nach Hause zu tragen, aufgeteilt. Ein Mann kam hinzu und schrie uns wegen des „Diebstahls“ an. Wir sahen dies jedoch etwas anders. Für uns wäre es eine Sünde gewesen, unsere Kinder hungern zu lassen. Einen ähnlichen Vorfall erlebte auch mein Mann, der so angesprochen wurde. Er stellte den Passanten nur die Frage: „Haben Sie Kinder?“

Uns Erwachsenen hat der Hunger nicht allzu viel ausgemacht, denn es gab Hoffnungen, dass aus dem Westen Hilfe nach Ungarn käme, um den Kommunismus zu bekämpfen. Zu dieser Zeit war in Budapest meistens Ausgangssperre. Niemand konnte zur Arbeit gehen. Es war jedoch alles vergeblich. Die erhoffte Hilfe aus dem Westen kam nicht. Es war schon bekannt, dass sich aus Richtung Russland bewaffnete Truppen mit Panzern näherten. Der Radiosender war in der Hand der Freiheitskämpfer, und der Sprecher meldete: „Lang lebe Ungarn und Europa, wir werden für Ungarn und Europa sterben“. Die Sendung wurde unterbrochen mit der Meldung: „Seit den frühen Morgenstunden greifen sowjetische Verbände Budapest und unsere Bevölkerung an. Bitte melden Sie der ganzen Welt den hinterhältigen Angriff auf unsere Freiheitsbestrebungen“.

Am 4. November gegen 4.00 Uhr drang die sowjetische Armee in Budapest ein. Die Panzer rasten unaufhörlich durch die Stadt, auch in unsere Straße. Es wurde auf alles geschossen, was sich bewegte. Ich sah selbst vom Fenster aus, wie ein 15-jähriger Junge mit einem Bauchschuss in der Straße lag. Seine Kopfhaut hing herunter, und ein Mann hielt sie ihm fest. Auch auf Krankenhäuser und Schulen wurde immer wieder geschossen. Ein Panzerfahrer fuhr durch unsere Straße und visierte während der Fahrt die uns gegenüberliegende Schule an und schoss ab. Auch unser Haus blieb nicht verschont. Der Einschlag ließ das Haus erzittern, und die Fensterscheiben flogen weit in die Zimmer hinein. Wir konnten uns in den Räumen, die zur Straße lagen, nicht mehr aufhalten. Die Kinder und ich waren zunächst wie gelähmt. Kaum angezogen, nahm ich sie hinunter in den Keller. Der Vater kam uns glücklicherweise entgegen, denn ich war kraftlos. Unten im Keller waren die meisten Bewohner, wo sie Radio Freies Europa hören konnten. Unser Haus war direkt in der Feuerlinie. Die Aufständischen waren in der Kilian-Kaserne an der Ringstraße, und es war das Ziel der Russen, diese Kaserne zu zerstören. 

Die Regierung Nagy fand am 4. November in der jugoslawischen Botschaft Zuflucht, sie wurden 1958 hingerichtet. Die Rehabilitierung erfolgte unter der Reform-Regierung 1989.

János Kádár wurde von den Sowjets 1956 an die Spitze der Regierung gehievt, wo er 32 Jahre wirkte. Er war beim russischen Einmarsch zur Niederkämpfung des Aufstandes mit beteiligt. 

Beim Einmarsch zerstörten die Sowjets die Innenstadt, schlimmer als im 2. Weltkrieg. Viele junge Leute wurden gekidnappt und in den Osten verschleppt. Die gesamte Stadt war lahmgelegt, und alle guten Hoffnungen waren verflogen. Auf unseren Aussiedlungsantrag nach Deutschland hin hatten wir, wie ich befürchtete, keine Antwort bekommen, denn der Zuständige im Amt hatte, als ich den Antrag mit der Zuzugsgenehmigung nach Deutschland einreichte, mir gegenüber erwähnt, dass ich schließlich 2 Söhne hätte. An Flucht zu denken, war zunächst nicht möglich, weil in Richtung Österreich keine Züge gefahren sind. So versuchte ich es noch einmal mit einem Antrag. Wir bekamen sogleich die Antwort, dass man unserem Wunsche nicht entsprechen könne.

Die bekannt werdenden Verschleppungen nach Osten lösten unter der ungarischen Bevölkerung Panik aus. Man hatte noch nicht vergessen, dass die Volksdeutschen 1944/45 nach Russland gebracht wurden, wo sie jahrelang Sklavenarbeit zu leisten hatten. Man wusste auch, dass mehr als ¼ der Betroffenen an Kälte, Hunger und Krankheit gestorben sind. Diese Angst vor einem ähnlichen Schicksal führte auch mit zur Massenflucht von Ungarn in den Westen. Man gab die Schuld am Aufstand immer wieder den Deutschen und ehemaligen Horthy-Offizieren. Die Geheimpolizei fragte beim Arbeitsplatz meines Mannes und beim Hausmeister auch nach uns. Ein Nachbar, welcher Offizier war, sagte, seine Kollegen seien in der Nacht verhaftet worden. So mussten wir uns also schnell entscheiden.

Am Sonntag, 15. Januar 1957 abends, wussten wir noch nicht sicher, dass wir am nächsten Tag flüchten konnten. Das Essen vom Sonntag blieb auf dem Tisch stehen. Am 16. Januar in der Früh nahmen wir unsere Kinder, J. mit 7 Jahren und E. mit 3 Jahren, welche reichlich warm angezogen waren, eine Kanne mit Wasser, etwas Proviant, u. a. auch einige Tafeln Schokolade und gingen zum Budapester Westbahnhof. Mit uns gegangen sind auch unsere Nachbarn, ein Ehepaar. Ein Mitreisender im Zug, welcher in der Nähe der Grenze wohnte, sagte bei einer Kontrolle, er würde uns zum Schlachten von Schweinen, welche wir ihm abgekauft hätten, mitnehmen. Obwohl es in Budapest damals nur wenig Lebensmittel gab, hat uns wohl niemand den vorgebrachten Reisegrund abgenommen. Die kontrollierenden Polizisten waren gutmütig, wir hatten Glück. Sie sagten uns, sie würden auch gerne bei der Reise dabei sein.

Als wir näher zur Grenze kamen, sind wir mit Arbeiterbussen weitergefahren. An einem Ort mussten wir dann übernachten und wollten morgens um 3.00 Uhr weiterfahren. In der Nacht kam dann ein schrecklicher Sturm, welcher viel Schnee brachte. Der hohe Schnee machte uns größte Sorgen, denn es wäre unmöglich gewesen, auf einem Schlitten die Kinder mitzunehmen. Vorsorglich hatte ich weiße Damasthandtücher mitgenommen, als Verbandsmaterial für den Fall, dass jemand während der Flucht angeschossen worden wäre. Glücklicherweise konnte ich am Übernachtungsort die Handtücher zusammennähen. Gegen 3.00 Uhr fuhren wir dann mit verschiedenen Arbeiterbussen bis zur letzten ungarischen Bahnstation Rédics vor Jugoslawien. Danach mussten wir zu Fuß weitergehen. Den kleinen E. legten wir in die Tücher und trugen ihn zu zweit. Der Schnee war sehr hoch. Wir sind deshalb auf einem früheren Bahndamm gegangen. Dieser zeigte uns den Weg, und der Schnee war niedriger als anderswo, aber dennoch 60 – 80 cm hoch. Die Männer gingen voraus, um den Weg zu bahnen. Ich musste J. an der Hand mitziehen, denn der Schnee reichte ihm bis zu seinem Bauch. Wir mussten uns auch öfters auf dem Schnee ausruhen. Es war ein schwerer Gang, und trotz der Kälte haben wir geschwitzt, wahrscheinlich aus Angst, entdeckt zu werden. 

In einem Fall mussten wir uns unter einer Brücke verbergen, weil wir in der Ferne jemanden gesehen hatten. Dort ist dann unser Nachbar mit seinem Schuh ins Eis eingebrochen, was dazu führte, dass sein Fuß erfror. Zum Glück war es nicht die Grenzschutzpolizei, die unterwegs war, denn bei dem schlechten Wetter waren weder Ungarn noch Jugoslawen auf ihrem Posten.
Am Grenzdreieck Ungarn, Österreich, Jugoslawien machten wir halt, weil die Männer ihr Schnäpschen darauf trinken mussten. Es war dennoch ein gefährlicher Ort. Morgens um 8.00 Uhr sind wir dann in der ersten Gemeinde angekommen. Ich hatte Eiszapfen am Rock, die Nachbarin war vollkommen fertig. J. hatte sich tapfer gehalten. Aber E., da er keine Bewegung hatte, war uns vor Kälte steif geworden. Wir mussten ihn warm reiben. Die jugoslawische Grenzschutzpolizei hat uns dann ein warmes Frühstück gebracht, und man führte uns in ein Flüchtlingslager. Der uns begleitende Nachbar wurde von uns getrennt, da er aufgrund seiner Erfrierung ins Krankenhaus musste. Im Lager wurden wir zwar verhört, aber gut behandelt. Wir waren dort 3 Monate lang fast wie Gefangene, in Unsicherheit darüber, wie es weitergehen würde.

Am 5. April 1957 haben wir endlich die Papiere bekommen, dass wir in Deutschland aufgenommen werden. Dies lief über die österreichische Botschaft. Am 7. April, einem Samstag, kamen wir schließlich in der Bundesrepublik in Freilassing an. Nach den ärztlichen Untersuchungen wurden uns auch Fingerabdrücke genommen. Als wir nachweisen konnten, dass wir in Bietigheim, dem Wohnort des Großvaters und der Geschwister, einen Arbeitsplatz und eine Wohnung erwarten können, durften wir uns auf den Weg machen. 

Am 17. April wurden wir ins Durchgangslager Ulm weitergeleitet. Am Abend kamen wir dann in Bietigheim, es war Karfreitag, an. Nach über 12 Jahren der Trennung von meinem Vater, von sechs Geschwistern und deren Familien wurden wir herzlich empfangen. Noch am Abend wurden von uns Fotos gemacht, und mein Vater sah mich an und sagte immer wieder: „Nein, das ist sie nicht!“ Ich musste mich so verändert haben, dass mein Vater mich nicht wiedererkannt hat.
Die Kinder lernten leicht die deutsche Sprache und hatten im Kindergarten und in der Schule kaum Probleme. So fingen wir zum dritten Male von vorne an, aber wir hatten Mut und Zuversicht, es durch unseren Fleiß und Arbeitswillen zu schaffen. Mit öffentlicher Hilfe konnten wir im Jahre 1959 in ein Eigenheim umziehen, denn die Wohnung meines Vaters war für uns doch recht eng. 

Ein Teil unserer Familie zog Ende der siebziger Jahre arbeitsbedingt nach Kempten im Allgäu um.

Der Aufstand und die Flucht haben uns lange verfolgt, vor allem nachts in unseren Träumen.

Stark hat uns jedoch der Glaube und die Hoffnung gemacht, endlich in einem Rechtsstaat angekommen zu sein, wo die Menschenrechte eingehalten werden.

25.11.2018 Magdalena Heilinger

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